Tom Hanks ist jetzt Schriftsteller

Die Figuren in „Schräge Typen“ ähneln nicht nur Hanks‘ Filmrollen, sondern auch dem Autor selbst.

Nicht wenige Bestseller der letzten Jahre stammen aus der Feder von Prominenten, die ihre Prominenz eigentlich auf einem ganz anderen Feld erworben haben. Wer als Schauspieler oder Model bereits bekannt ist, kann als Schriftsteller besser vermarktet werden. Bestes Beispiel ist der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach. Oder der Schauspieler Joachim Meyerhoff. Und auch Cara Delevingne, ihrerseits Model, hat erst kürzlich ihren Debütroman „Mirror Mirror“ veröffentlicht. Nun folgt: Tom Hanks. Ja, der Tom Hanks, der gerade in Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ im Kino zu sehen ist, der sich als Chuck Noland mit dem Volleyball Wilson anfreundete und als Forrest Gump einmal quer durch die USA joggte. Und nein, Hanks‘ erstes Buch ist keine Autobiografie. Es ist eine Kurzgeschichtensammlung. Die Erzählungen soll er unterwegs im Flugzeug, im Hotel und bei Drehpausen an Filmsets in Berlin, Atlanta, New York und Budapest geschrieben haben. Einige wurden bereits in der New York Times und im New Yorker veröffentlicht, wo auch schon große Literaten wie John O’Hara, Haruki Murakami oder J.D. Salinger publizierten.

Zwar galt Hanks schon immer als Allround-Talent, hat nebenbei Regie geführt, Filme produziert und Drehbücher geschrieben. Trotzdem: Wenn Prominente, die ja eigentlich gar keine Schriftsteller sind ein Buch veröffentlichen, wird ihnen nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Skepsis zuteil. Kann der das überhaupt?

Hanks‘ erster literarischer Wurf heißt „Schräge Typen“, denn seine Protagonisten sind alle irgendwie verschroben. Sie erinnern an Figuren, die er in seinen Filmen verkörperte. So erzählt Hanks in der Erzählung „Alan Bean plus vier“ die Geschichte von vier Freunden, die im Garten eine Raumkapsel basteln, um sich damit ins Weltall zu katapultieren. Den Astronautenjargon hat Hanks noch von seiner Rolle als Jim Lovell im Film „Apollo 13“ drauf. Die Geschichte „Heiligabend 1953“ über einen Kriegsveteranen liest sich wie ein Weiterdreh zu Steven Spielbergs Kriegsfilm „Der Soldat James Ryan“, in dem Hanks die Titelrolle gespielt hat. Und „Ein Monat in der Greene Street“ erinnert an die Liebeskomödie „Geschenkt ist noch zu teuer“.

Hanks schöpft also aus dem Rollenrepertoire seiner Filme. Und er profitiert von seiner Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen: In liebevollem Ton und bildhafter Sprache beschreibt er, wie eine junge Schauspielerin ihr Glück am Broadway versucht, wie ein Kriegsveterane Weihnachten verbringt und wie ein Zehnjähriger vor der Scheidung seiner Eltern über deren Ehe nachdenkt. Hanks betrachtet seine Figuren wie der Schauspieler die neue Rolle: mit großer Neugier, Anteilnahme und Genauigkeit. Doch größere Erlebnisse, innere Konflikte oder unerwartete Wendungen lässt er sie nicht durchleben. Am Ende der meisten Geschichten ist erstaunlich wenig passiert. Hanks Figuren sind zwar charmant schrullig, doch stecken sie wie Bernsteinfossilien in der eigenen Rolle fest.

Dafür erfährt man so einiges über den Autor selbst. In jeder seiner Geschichten lässt er eine alte Schreibmaschine auftauchen, die den englischen Originaltitel in seiner Doppeldeutigkeit erklären: „Uncommon Type“ bedeutet nicht nur „schräge Typen“, sondern auch „ungewöhnliche Drucktypen“. Hanks selbst gilt als leidenschaftlicher Sammler von Schreibmaschinen. Mehr als 150 Geräte soll seine Sammlung umfassen. Die schönsten sind in schwarz-weißen Bilder im Band abgebildet, darunter eine elektrische Olivetti-Underwood, eine schwarze Remington 7 und eine billige Pop-art Schreibmaschine aus Plastik. Hanks Liebe zu diesem Schreibgerät ist so groß, dass er zusammen mit einer US-Firma eine App entwickelt hat, den Hanx Writer, mit der man auch Optik und Tippgeräusche seines Smartphones in die einer alten Schreibmaschine umwandeln kann. Wenn dann einer seiner Protagonisten, der alternde Journalist Hank Fiset, seine Kolumne in eine klobige Continental tippt und dabei den guten alten Zeiten hinterhertrauert, als die Zeitung noch gedruckt wurde und es keine Tablets und Laptops gab, glaubt man nicht nur aufgrund der Namensähnlichkeit den Autor selbst zu hören. Und wenn Hanks die vier Freunde aus „Alan Bean plus vier“ darüber schwadronieren lässt, wie sie nach ihrer Reise ins Weltall „absolut geile Sachen auf Instagram posten“, zeigt sich eine Skepsis gegenüber neuen Medien, die gut in das nostalgische Gesamtbild seiner Geschichten passt. Seinen eigenen Instagram-Account nutzt Hanks übrigens vor allem, um Bilder von verlorengegangenen Handschuhen oder Schuhen zu posten, die er auf der Straße findet. Es sind verschüttete Details aus dem Alltag, über deren Verbleib sich Hanks wundert. In ähnlicher Weise ist der gesamte Band durchzogen von dem Versuch, an etwas anzuknüpfen. Als wolle Hanks alten Freunden hinterherspüren. Das ist irgendwie rührend, und manchmal sogar unterhaltsam. Nur Tiefgang sollte man nicht erwarten.

Foto: Pixels.com

About Friederike Oertel

Ich bin freie Journalistin, aber auch Fernweherkrankte, Grüblern und Suchende. Ob in Berlin, Brandenburg oder Buenos Aires – ich bin viel und gerne unterwegs. Und weil das Sammeln von Eindrücken irgendwann zum Bedürfnis nach Ausdruck wird, schreibe ich Texte. Unter anderem für die ZEIT und ZEIT Online, Süddeutsche und Tagesspiegel.